Niemand wird in der aktuellen Situation ernsthaft bestreiten können, dass wir uns in einer Zeit multipler Krisen befinden. Dies vorausgeschickt stellt sich die Frage, was in einer Gesellschaft geschieht, die sich selbst als eine krisengeschüttelte wahrnimmt.
Nicht zuerst aber doch recht früh, nachdem sich so etwas wie ein kollektives Bewusstsein der Krise(n) und der damit verbundenen Notwendigkeit zu treffender Entscheidungen einstellt, erscheinen uns Personen und Gruppen zunehmend attraktiv, die vermeintlich einfache Lösungen für die uns immer komplexer erscheinenden Probleme anbieten. Allerdings beruht die Einfachheit der angebotenen Lösungen oftmals darauf, dass die Verantwortung für das, was die Krisen hervorgerufen hat, in einen sozialen Bereich außerhalb der Mehrheitsgesellschaft verortet wird. Zu beobachten ist ein Prozess, in dessen Verlauf Minderheiten – gerne unter Rückgriff auf den „gesunden Menschenverstand“ der Mehrheit – zu Sündenböcken abgestempelt werden. Nach Siri Hustvedt soll die Mehrheitsgesellschaft ihre Wut im Rahmen dieses Prozesses auf möglichst schwache und verletzliche Ziele richten.
In seinem Buch „Der Friedhof von Prag“ lässt Umberto Eco den zaristischen Geheimdienstler Ratschkowski ausführen, welch große Bedeutung Sündenböcke für ein autoritäres Herrschaftssystem haben und wie wichtig es ist, dass die präsentierten Sündenböcke von der jeweiligen Mehrheitsgesellschaft als solche akzeptiert werden. Ein wesentliches Kriterium für diese Akzeptanz ist, dass die ins Auge gefasste Minderheit als fremd wahrgenommen wird. Das als fremd Wahrgenommene grenzt die Minderheit von der Mehrheit ab. Diejenigen, die uns Sündenböcke präsentieren, zielen auf eine soziale Gemeinschaft, die auf Ausgrenzung basiert. Diese Ausgrenzung verläuft bisweilen laut und dröhnend, bisweilen aber auch leise und mit einem unheimlichen Schleichen.
Was uns als fremd gilt, entscheiden wir Menschen nicht immer individuell und bewusst, sondern häufig kollektiv und auf der Grundlage gesellschaftlicher Konventionen. Auch hier schreitet die Entwicklung einer Haltung mitunter schleichend voran. Der mental zurückgelegte Weg erscheint in der Rückschau lang. Während wir ihn gehen, folgt hingegen eine kleine Veränderung der nächsten.
Schaffen wir öffentliche Räume des Gedenkens, die uns daran erinnern, wozu eine Mehrheitsgesellschaft fähig ist, sobald sie begonnen hat, elementare Werte eines friedlichen Zusammenlebens in Frage zu stellen, so kann dies dazu beitragen, einer Entwicklung gesellschaftlicher Konventionen entgegenzuwirken, an deren Ende wieder eine Minderheit als Sündenbock angegriffen wird. Der (unbewusste) Prozess, unsere Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „die Anderen“ zu unterteilen, kann unterbrochen werden.
Nun mag meine Hoffnung mit Robert Musil, der einmal sagte, dass nichts so unsichtbar sei, wie ein Denkmal, als naiv und allzu idealistisch belächelt werden. Dennoch möchte ich anhand zweier Beispiele, die das Erinnern an den Holocaust zum Gegenstand haben, zeigen, wie solche öffentlichen Räume des Gedenkens aussehen können.
Im Berliner Ortsteil Schönefeld lebten Anfang der 1930er Jahre über 16.000 jüdische Menschen im Bayerischen Viertel, unter ihnen Kurt Tucholsky, Erich Fromm und Else Lasker-Schüler. Lediglich 171 von ihnen überlebten die 12 Jahre der Naziherrschaft mit Entrechtung, Verfolgung und Deportation. Heute befindet sich hier das Flächendenkmal „Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945″. Auf insgesamt 80 doppelseitig gestalteten Schildern mit je einer Bild- und einer Textseite wird den Betrachterinnen und Betrachtern exemplarisch vor Augen geführt, wie die Nationalsozialisten den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden mit einer schier unglaublichen Zahl an Gesetzten und Verordnungen nach und nach ihre Rechte entzogen.
Als Flächendenkmal verteilen sich die Tafeln auf verschiedene Straßen des Viertels und sind in ihrer Ausgestaltung schlicht, wenn nicht gar nüchtern. Während wir durch das Viertel spazieren, bleiben wir immer wieder stehen und ich bin bei jeder Tafel aufs Neue erschüttert. Offenbar wurde kein noch so privater Lebensbereich ausgenommen, wenn es darum ging, den jüdischen Bürgerinnen und Bürgern das Leben in Deutschland unerträglich zu machen. Und offenbar ging selbst ein so barbarisches Regime wie die nationalsozialistische Herrschaft davon aus, den verschleiernden Mantel des „Rechts“ zu benötigen, um sein Unrecht begehen zu können.
So wurden nur wenige Monate nach der Machtergreifung in die Satzung fast aller Sportvereine und -verbände sogenannte „Arierparagraphen“ eingeführt, die zum Ausschluss jüdischer Mitglieder führten.

Auf der Grundlage einer Verordnung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda waren die jüdischen Bürgerinnen und Bürger im Jahr 1939 gezwungen, ihre Rundfunkgeräte abzugeben.

Nachdem im Februar 1942 durch eine Ergänzung zur Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden vom 1.9.1941 festgelegt wurde, dass die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel durch Juden „aufs äußerste zu beschränken“ sei, erfolgte im weiteren Verlauf des Jahres die Konkretisierung dieser Regelung dahingehend, dass jüdische Kinder öffentliche Verkehrsmittel für den Weg zur Schule nur dann benutzen durften, wenn ihre Schule mehr als 5 Kilometer von ihrer Wohnung entfernt lag.

Am 16. und 17. Juli 1942 fand in Paris die Rafle du Vél d’Hiv‘ (Razzia vom Wintervelodrom) als Ergebnis gemeinsamer Planungen von deutschen und französischen Beamten statt. Im Rahmen dieser Razzia wurden insgesamt 4.115 Kinder unter 16 Jahren mit ihren Eltern und weiteren Erwachsenen unter erbärmlichen Umständen im Velodrom unweit des Eifelturms zusammengepfercht. Es herrschten unerträgliche Temperaturen, es gab keine Toiletten und die Versorgung der Gefangenen durch internationale Hilfsorganisationen war stark eingeschränkt. Nach wenigen Tagen im Velodrom begann die Deportation in französische Durchgangslager und von dort in das KZ Auschwitz-Birkenau.
Im 15. Arrondissement von Paris, an der Stelle, an der sich der Eingang des ehemaligen Velodroms befand, liegt der Jardin Mémorial des Enfants du Vél d’Hiv‘. Die Gedenkstätte ist von einem Spalier mit weißblühenden Pflanzen umgeben, in dem Fotos und Texte von den getöteten Kindern platziert sind. Auf einer großen Kalksteinmauer auf der rechten Seite das Gartens sind die Namen und das Alter der Ermordeten verzeichnet. Auf dem Gelände liegen Steine verschiedener Größe, die an die Steine erinnern sollen, die traditionell auf jüdischen Grabmalen abgelegt werden.



Ganz anders als im Bayerischen Viertel in Berlin Schönefeld erhalten die Opfer hier Namen, Gesichter und konkrete Geschichten. Und anders als beim Flächendenkmal in Berlin ist der Ort des Gedenkens in seiner Ausdehnung hier klar definiert. Die Fotografien der Kinder, die mitunter fröhlich oder stolz in die Kamera schauen, machen mich traurig und fassungslos. In einem unbegreiflichen Furor wurde ihnen das Leben und jede Möglichkeit genommen, unsere Welt zu bereichern.
So unterschiedlich die Gedenkstätten in ihrer Gestaltung sind, beide machen mir klar, dass Ereignisse derartiger Brutalität nur möglich sind, wenn sich die Mehrheitsgesellschaft aus Angst, Gleichgültigkeit oder innerer Überzeugung nicht gegen solche Geschehnisse wehrt.
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Wie komme ich darauf?
- „Die Würde, mit der Paul starb, war ein Geschenk“ – Interview mit Siri Hustvedt in der Zeit 44/2024
- Umberto Eco – „Der Friedhof von Prag“
- Oliver Decker, Johannes Kiess & Elmar Brähler – „Antisemitismus als individuelles Ressentiment und gesellschaftliches Sediment“ aus „Vereint im Ressentiment“; Leipziger Autoritarismus Studie 2024
- Wikipedia – „Orte des Erinnerns (Bayersiches Viertel)“ (Zugriff am 28.03.2025)
- Andreas Stirn – „Das Denkmal im Bayerischen Viertel“ (Zugriff am 28.03.2025)
- Wikipedia – „Rafle du Vélodrom d’Hiver“ (Zugriff am 28.03.2025)
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