Woran liegt es, dass das Theater immer wieder in der Lage ist, mich tief zu beeindrucken und zu bewegen. Welchen Grund kann es dafür geben, einmal abgesehen von meiner sehr persönlichen Bereitschaft, mich beeindrucken und bewegen zu lassen?
Nach einigen Überlegungen habe ich drei mögliche Erklärungsansätze gefunden, die jeweils eine sehr eigene Perspektive eröffnen.

Der „religiöse“ Erklärungsansatz
In dem frühen platonischen Dialog Ion behandeln Sokrates und der Rezitator Ion von Ephesos u. a. die Frage, warum sich Interpretinnen und Interpreten sowie Zuhörerinnen und Zuhörer eines Werkes von dem Vortrag und der Vortragsweise gefangen nehmen lassen. Sokrates beantwortet diese Frage mittels des Bildes vom Magnetstein. Für ihn sind Dichterinnen und Dichter „nichts anderes als [ … ] Dolmetscher der Götter“. Sie empfangen eine göttliche Kraft, aus der heraus sie ihr Werk erschaffen. Diese göttliche Kraft überträgt sich im Falle des Theaters auf die Schauspielerinnen und Schauspieler und letztlich auf das Publikum. Im Bild des Magnetsteins entspricht die magnetische Kraft, die der Stein auf die die einzelnen Ringe einer Kette überträgt, der göttlichen Kraft. Die Ringe stehen für Autorinnen und Autoren, die darstellenden Personen und das Publikum.
Platon lässt Sokrates zu Ion sagen: „Erkennst Du nun, daß ein solcher Zuhörer der letzte von jenen Ringen ist, die […] die von einem Magneten ausgegangene Kraft wiederum von einander aufnehmen […].“
Der „epische“ Erklärungsansatz
Ziel des epischen Theaters im Sinne von Bertolt Brecht ist es, zu zeigen, dass gesellschaftliche Konflikte wie Krieg, Revolution oder grobe wirtschaftliche Ungleichheit, ein soziales Umfeld schaffen, in dem sich die Einzelnen behaupten müssen. Im dargebotenen Stück geht es dabei weniger um die Emotionen der handelnden Personen. Vielmehr agieren die Menschen im epischen Theater in Vertretung gesellschaftlicher Rollen. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sollen nicht durch eine emotionale Anteilnahme in Anspruch genommen werden, sondern die entspannte Haltung von Fachleuten einnehmen. Hierdurch sollen die im Stück behandelten Konflikte für sie durchschaubar und rational fassbar gemacht werden. Die damit verbunden Wirkung ist eine bewusste Erkenntnis unhaltbarer politischer und sozialer Zustände, aus der heraus – im besten Fall – gesellschaftliche Veränderungen angestoßen werden.
Der „existentialistische“ Erklärungsansatz
Für Jean-Paul Sartre ist es das Ziel der theatralischen Handlung dem Publikum die Chance zu geben, sich in dieser Handlungen selber zu erkennen bzw. zu entdecken. Dabei ist für ihn die „unerlässliche und grundlegende Bedingung jedes Handelns die Freiheit des handelnden Wesens“. Diese Freiheit ist nichts, was uns Menschen als Attribut beschreiben würde, vielmehr ist sie der eigentliche Stoff des Seins. Im Sinne Satress gibt es weder ein vorbestimmtes Schicksal noch eine feststehende Persönlichkeit des Menschen, die ihn oder sie so und nur so handeln lassen würden. Vielmehr erschaffen wir Menschen uns erst nach und nach durch jede einzelne unserer Handlungen. Das bedeutet auch, dass nichts darüber aussagt werden kann, was ein bestimmter Mensch wirklich ist, solange er noch lebt. Sartre geht sogar noch einen Schritt weiter: Da sich der Mensch durch seine Handlungen selber erschafft, trägt er nicht nur die Verantwortung für sich selbst sondern – ob gewollt oder nicht – auch für die Entwicklung der gesamten Menschheit.
Indem das Theater uns unserer Freiheit und unsere damit verbundene Verantwortung vor Augen führt, erzeugt es in uns Menschen ein starkes Selbstbewusstsein. Dieses wird jedoch begleitet von der ängstlichen Empfindung unserer Verantwortung in und für die Welt in der wir leben. Vielleicht spüren wir Menschen hier, dass wir – wie Sartre es sagt – dazu „verurteilt [sind], frei zu sein“.
To be continued
Wie komme ich darauf?
- Manfred Brauneck – „Europas Theater“
- Jean-Paul Sartre – „Das Sein und das Nichts“; „Mythos und Realität des Theaters“; „Der Existentialismus ist ein Humanismus“
Was meinst Du dazu?