„Ich möchte jedoch jetzt in vollem Ernst erklären, daß in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und daß der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist.
(Betrand Russell)
Zurzeit führen wir in Deutschland erneut eine Diskussion über die Bedeutung der Erwerbsarbeit für unsere Gesellschaft und unser Wirtschaftssystem. Da weder das Thema noch die erkennbar eingenommenen Positionen wirklich neu sind, erlaube ich mir einen Blick zurück in das erste Drittel des 20. Jahrhunderts.
Am 10. Februar des Jahres 1928 hielt John Maynard Keynes vor dem Chameleon Club in Cambridge erstmalig einen Vortrag unter dem Titel „Econonmic Posibilities of our Grandchildren„. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise, die ihren Beginn im Oktober 1929 hatte, überarbeitete er diesen Vortrag und veröffentlichte ihn schließlich in Form eines 2-teiligen Artikels am 11. und 18. Oktober 1930 in der Zeitschrift „The Nation and Athenaeum“.
Hier präsentiert Keynes seine These, dass aufgrund der Entwicklung des technischen Fortschritts und der anhaltenden Akkumulation von Kapital sowie unter der Voraussetzung, dass es in der Zukunft weder bedeutende Kriege noch ein nennenswertes Bevölkerungswachstum geben wird, das „wirtschaftliche Problem“ im Verlauf der kommenden 100 Jahre gelöst sein wird. In diesem Zustand habe sich der Lebensstandard der Menschheit um das vier- bis achtfache erhöht und die „absoluten Bedürfnisse“ seien in einem Ausmaß befriedigt, dass es möglich sei, die Arbeit, die noch zu tun bliebt, in drei Stunden am Tag bzw. 15 Stunden in der Woche zu verrichten.
Nun bedarf es offensichtlich keines Nachweises, dass die Prognose von Keynes im Jahr 2025 zumindest in Deutschland noch nicht eingetreten ist. Und wir wissen darüber hinaus, dass die von Keynes hierfür definierten Voraussetzungen nicht gegeben waren: Denn die Welt wurde auch nach 1930 immer wieder von verheerenden Kriegen heimgesucht und die Weltbevölkerung ist in den zurückliegenden 100 Jahren um ca. 6 Mrd. Menschen gewachsen. Doch möchte ich hiervon unabhängig und quasi als ein Enkel von Keynes drei Fragen nachgehen.
Welche Bedeutung hat für Keynes die Arbeit – und welche nicht?
Keynes geht bei seiner Betrachtung des Phänomens Arbeit von dem geradezu klassischen Paradigma der Wirtschaftswissenschaften, dem Knappheitsproblem, aus, das er in seinem Text als „wirtschaftliches Problem“ bezeichnet. Hiernach stehen den stets knappen Ressourcen stets zumindest potenziell unbegrenzte Bedürfnisse gegenüber. Durch Arbeit gelingt es den Menschen mittels Produktion, Herstellung und Handel die Kluft zwischen der Knappheit der Ressourcen einerseits und der Unbegrenztheit ihrer Bedürfnisse anderseits zu verringern.
So verstanden ist Arbeit nach Keynes ein Mittel für ein erfülltes Leben und nicht der Zweck der menschlichen Existenz.
Warum sollte nach Keynes’ Auffassung weniger Zeit auf die Erwerbsarbeit verwandt werden?
Für die Beantwortung dieser Frage erscheint mir ein Blick auf die Bloomsbury Group sinnvoll, deren Mitglied John Maynard Keynes über lange Jahre war. Diese Gruppe bestand von 1905 bis zum Zweiten Weltkrieg, setzte sich aus Künstlerinnen und Künstlern, Intellektuellen sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammen und hatte einen großen Einfluss auf die kulturelle Modernisierung Englands. Zwei „Bloomsberries“, die besonderen Einfluss auf Keynes‘ Denken gehabt haben könnten, dürften der Philosoph G. E. Moore sowie der Maler und Kunsttheoretiker Roger Fry gewesen sein.
Im Jahr 1903 veröffentlichte G. E. Moore sein Buch „Principia Ethica“. Keynes war hiervon so beeindruckt, dass er es als überwältigend, mitreißend und größtes Werk zu diesem Thema bezeichnete.
Für Moore stellt „das Gute“ den grundlegenden ethischen Wert dar. Nach seiner Überzeugung sind Gegenstände und Handlungen nicht nur dann gut, wenn sie einem guten Zweck dienen. Sie können auch an und für sich als gut angesehen werden, also einen Eigenwert, unabhängig von Folgen und Kontext, besitzen. Auch wenn sich dieses Gute nicht empirisch analysieren oder definieren ließe, so sei es doch möglich, gute Dinge zu benennen, und als die in diesem Sinne wertvollsten bezeichnet Moore die persönliche Zuneigung im menschlichen Umgang sowie die Wertschätzung des Schönen in Kunst und Kultur.
Roger Fry widmet sich der Wertschätzung des Schönen in der Kunst in seinem 1920 erschienen Text „An Essay on Aesthetics„. Hierin unterscheidet er das „reale“ vom „imaginativen“ Leben. Während wir Menschen im realen Leben die äußeren Eindrucke der Welt unmittelbar wahrnähmen und hierauf nahezu instinktiv reagierten, zeichne sich das imaginative Leben durch die Betrachtung von Kunstwerken und die Beobachtung unserer emotionalen Reaktionen hierauf aus. Diese Betrachtungen und Reflexionen führen nach Fry zu einer größeren Klarheit der Wahrnehmung sowie zu einer größeren Reinheit und Freiheit des Gefühls. Letztlich münde das imaginative Leben in einer höheren Stufe von Nachdenken, Erleben und Sittlichkeit.
Gehen wir davon aus, dass Keynes‘ Vorstellungen von einem guten Leben von Moore und Fry beeinflusst war, so dürfen wir annehmen, dass auch er die Erfahrung gemacht hat, dass die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen sowie die Betrachtung von und die Reflexion über Kunst viel Zeit beanspruchen; Zeit, von der nach seiner Auffassung zu viel durch Erwerbsarbeit gebunden ist.
Gab oder gibt es auch Gründe innerhalb unseres Gesellschaft- oder Wirtschaftssystems, die mit dafür gesorgt haben, dass der Erwerbsarbeit immer noch eine so hohe Bedeutung zukommt?
Keynes geht davon aus, dass es einer längeren Übergangs- bzw. Gewöhnungszeit braucht, bis die Menschen sich in einer Welt orientiert haben werden, in der das „wirtschaftliche Problem“ in seinem Kern gelöst ist. Einen wesentlichen Grund für diesen Umstand sieht er in dem Erfordernis, dass wir Menschen unsere Einstellung zum Besitz, insbesondere zum Besitz von Geld, verändern müssen. Häufig wollen wir Geld um seiner selbst Willen besitzen; eine Neigung, die auch bezogen auf andere Güter unterstellt werden darf. Mit einer solchen Haltung fällt es uns schwer, anzuerkennen, dass unsere wesentlichen bzw. „absoluten Bedürfnisse“ – die Bedürfnisse also, die wir unabhängig von der Lage und Situation unserer Mitmenschen empfinden – tatsächlich erfüllt sind. Dass wir stets nach mehr streben, scheint ein zutiefst menschlicher Charakterzug zu sein.
Bereits im Jahr 1935 beschäftigte sich Betrand Russell, ebenfalls ein Mitglied der Bloomsbury Group und Freund von Keynes, in seinem Essay „In Praise of Idleness“ mit der Bedeutung der Muße für das menschliche Zusammenleben und der Frage, warum wir uns gesellschaftlich so schwertun, uns diese Muße zuzugestehen.
Historisch, so Russell, habe eine „Ethik der Arbeit“ die Erwerbstätigkeit über das notwendige Maß hinaus zur Pflicht erhoben. In seinen Augen ist die Verteilung der Arbeit zu einem Mittel geworden, um sicherzustellen, dass die Menschen im Wesentlichen zum Nutzen der Machthaberinnen und Machthaber tätig werden; diese Moral der Arbeit bezeichnet er als eine „Sklavenmoral“.
Darüber hinaus sei der moderne Mensch davon überzeugt, dass jede Leistung im Sinne eines Zweckes auf etwas anderes zu richten sei und niemals seiner Selbst willen erbracht werden solle. Die so entstandene Vorstellung, dass nur eine gewinnbringende Tätigkeit sinnvoll ist, habe dazu geführt, dass wir die Bedeutung der Produktion über- und die des Verbrauchs, des Genusses sowie der Muße unterschätzten.
U. a. mit direkter Bezugnahme auf Keynes entwickelt David Graeber in seinem 2018 erschienenen Buch „Bullshit Jobs: A Theory„, den Gedanken, dass insbesondere die moderne Dienstleistungsgesellschaft von einer Vielzahl Jobs geprägt ist, die in der Wahrnehmung der Stelleninhaberinnen und Stelleninhaber keinen produktiven Beitrag leisten und daher unnötig oder sinnlos sind. Obschon diese Bullshit Jobs öffentlich gerechtfertigt würden, könnten sie verschwinden, ohne dass dies negative Folgen hätte.
Nachfolgend möchte ich drei Gründe nennen, die Graeber für eine Entwicklung anführt, die er als „Bullshitisierung“ der Arbeitswelt bezeichnet.
Erstens geht er wie Russell davon aus, dass die Beschäftigung der Menschen mit Erwerbsarbeit – und sei es in Bullshit Jobs – den Interessen einer wirtschaftlich-gesellschaftlichen Elite dient.
Zweitens etablierte sich nach Graeber seit Ende des Zweiten Weltkriegs auch in marktwirtschaftlich geprägten Ländern das politische Ziel der Vollbeschäftigung, ohne gleichzeitig über den Nutzen und die Qualität der Arbeitsplätze nachzudenken, die zur Erreichung dieses Ziels geschaffen oder erhalten werden müssen.
Des Weiteren habe – drittens – ein sogenannter Manager-Feudalismus dafür gesorgt, dass Hierarchien künstlich und um ihrer selbst Willen geschaffen werden; Hierarchien, die, um lebendig zu wirken, mit Stellen und Jobs versehen werden müssen.
Ulrike Herrmann greift in ihrem Essay „Keynes übersieht den Wachstumszwang im Kapitalismus“ das Argument einer hinreichenden Befriedigung der absoluten Bedürfnisse auf. Ein Zustand, in dem das wirtschaftliche Problem gelöst ist, hat zur Konsequenz, dass die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen nicht weiter steigt; Konsum und Produktion wachsen nicht weiter (und wenn, dann nur stark verlangsamt).
Diese Vorstellung ist nach Herrmann unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem jedoch zutiefst fremd; es benötige Wachstum, um stabil zu sein. Die Gründe für diesen Wachstumszwang sieht sie darin, dass die unvermeidlichen Wirtschaftskrisen in einem kapitalistischen System nur überwunden werden können, wenn Staat und Unternehmer auf neues Wachstum hoffen und in der Hoffnung auf dieses Wachstum Investitionen tätigen. Da diese Investitionen kreditfinanziert seien, sei eine zusätzliche wirtschaftliche Expansion zwingend erforderlich, um die aufgenommen Darlehen zurückzahlen zu können. So seien Kredite, Investitionen, Gewinne und Wachstum engstens miteinander verwoben.
Nun führe ein hoher Wettbewerbsdruck zwar in vielen Branchen – ausgelöst durch technischen Fortschritt – zu einem permanenten Verlust von Arbeitsplätzen. Doch aufgrund des politischen Ziels der Vollbeschäftigung (s. auch Graeber) und dem stetigen Wirtschaftswachstum ist nach Herrmann auch mit dieser Entwicklung kein Rückgang des Arbeitsvolumens und somit keine massive Reduzierung der kollektiven und individuellen Arbeitszeit verbunden.
Was mich betrifft
Als Arbeitnehmer bin auch ich quasi Objekt des aktuellen deutschen Arbeitsdiskurses. In dieser Situation – und hier folge ich Keynes – steht für mich außer Zweifel, dass die Erwerbsarbeit weder Ziel noch Zweck des Lebens sein darf oder soll. Vielmehr gehören zum Glück und zur Erfüllung eines jeden einzelnen Menschen die verschiedensten Facetten, die idealerweise alle Anspruch darauf erheben dürfen, gewürdigt und gepflegt zu werden. Dieses Ideal zu erreichen, dazu benötigt es Zeit. Ob wir in der Zuteilung unserer zeitlichen Ressourcen bei der gegebenen Bedeutung der Erwerbsarbeit allerdings hinlänglich frei sind, das wage ich zu bezweifeln. Und ob ein mehr an Erwerbsarbeitszeit die aktuellen Probleme unserer Gesellschaft und Wirtschaft wirklich löst, davon ich bin ich alles andere als überzeugt.
Fin de l’article 😏
Wie komme ich darauf?
- John Maynard Keynes – „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkel“
- Jens C. Knipp – „Am Ende aller Arbeit?“
- James Suzman – „Sie nannten es Arbeit“
- Donald J. Watt – „G. E. Moore and the Bloomsbury Group„
- Tom Baldwin – „ George Edward Moore„
- Heiner F. Klemme – „Gut ist gut ‚und sonst gar nichts‘„
- Betrand Russell – „Lob des Müßiggangs“
- David Graeber – „Bullshit Jobs“
- Ulrike Herrmann – „Keynes übersieht den Wachstumszwang im Kapitalismus“
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