Warum Theater? Wozu das ganze Theater?
Denke ich über diese Fragen nach, was übrigens regelmäßig und gerne nach Theaterbesuchen vorkommt, gehe ich von der folgenden Annahme aus:
Wir Menschen wollen die Welt, wie wir sie erleben, verstehen. Wir wollen verstehen, was die Welt, und wie wir sie erleben, für uns bedeutet. Da sie sich aber – anders als noch zu Hochzeiten der Aufklärung angenommen – nicht in klaren (geschweige denn in unseren eigenen) Kategorien darstellt, die wir ohne Weiteres erklären könnten, brauchen wir ein Medium der Auseinandersetzung. Dieses Medium ist die Kunst und damit auch das Theater. Lassen wir uns auf das Theater ein, kann es uns bei der Beantwortung der Frage „Was soll das Alles?“ sehr hilfreich sein; es kann uns Erkenntnis ermöglichen, eine „Erkenntnis durch Erfahrung“ (Dzevad Karahasan, Herbert Gantschacher).

In den Worten des französischen Philosophen Alain Badiou ist das Theater ein Ort, an dem „Denkereignisse“ stattfinden können, wobei er ein „Ereignis“ als einen empfundenen „Ausnahmezustand“ (Niklaas Machunsky) versteht. Sehen wir ein Denkereignis als intellektuellen Ausnahmezustand an, so erkennen wir, wie im Theater neue Ideen entstehen können. Und diese neuen Ideen geben uns einen Hinweis darauf, dass die Dinge, so wie sie sind, und so wie wir sie erleben, nicht notwendigerweise bleiben müssen. Daher sprach Max Frisch in seiner 1964 anlässlich der Dramaturgentagung in Frankfurt am Main gehaltenen Rede auch davon, dass im Theater die Welt als eine veränderbare gespielt wird.
Die auf einem Denkereignis beruhende Erfahrung bzw. die auf einer solchen Erfahrung beruhende Erkenntnis kann individuell oder gemeinschaftlich gewonnen werden; das Theater eröffnet einen Möglichkeitsraum gemeinsamer Erfahrung und Erkenntnis. Cécile Wajsbrot spricht davon, dass eine Theatervorstellung eine „Gemeinschaft auf Zeit (…) in einem öffentlichen Raum“ erschafft. Bewahren wir uns das damit verbundene Gefühl der Verbundenheit zumindest in einem geringen Maße auch nach Ende einer Vorstellung, schafft das Theater gleichfalls die Möglichkeit unser Zusammenleben aufmerksamer füreinander zu gestalten.
Warum also Theater? Und wenn Theater, was für ein Theater?
Das Theater räumt mir die Möglichkeit ein, Fragen, die andere Menschen sich stellen, und Antworten, die andere Menschen hierauf finden, auf mich und mein Leben zu beziehen. Ästhetisch kann und soll es dabei viele Formen annehmen. Hiervon unabhängig sollte es aber erstens stets in der Lage sein, uns zu motivieren, Veränderungen in unserem Leben und in unserer Gesellschaft anzugehen oder sie zumindest für möglich zu erachten. Zweitens sollte es uns in Zeiten schwindender Gewissheiten und des ständigen Angebots vermeintlich einfacher Lösungen davor bewahren, zu schnelle Schlüsse zu ziehen. Wenn wir das Theater in diesem Lichte betrachten, kann sein Wert für eine neugierige, offene und pluralistische Gesellschaft kaum überschätzt werden.
Fin de l’article 😉
Wie komme ich darauf?
- Alain Badiou – „Kleines Handbuch zur In-Ästhetik“; „Rhapsodie für das Theater“
- Dzevad Karahasan und Herbert Gantschacher – „Formen des Lebens“
- Niklaas Machunsky – „Alain Badiou – Meisterdenker des Ausnahmezustands“
- Podcast „In aller Ruhe“, Folge vom 01.11.2024: „Ästhetisch durchdenken“ – Carolin Emcke im Gespräch mit Carsten Brosda
- Cécile Wajsbrot – „Zusammenhalt gegen den Zweifel“ – Rede am 3. Mai 2025 anlässlich der Eröffnung der Ruhrfestspiele
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