In der Eifel, oberhalb der Urfttalsprerre bei Schleiden-Gemünd, befindet sich der Internationale Platz Vogelsang. Zwischen 1936 und 1939 gehörten die hier errichteten Gebäude zur sogenannten Ordensburg Vogelsang und dienten der Ausbildung des NSDAP-Führungsnachwuchses. Die Liegenschaft stellt neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und dem Seebad Prora auf Rügen eine der größten baulichen Hinterlassenschaften der NS-Zeit in Deutschland dar. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs wurde das Gelände vom belgischen Militär übernommen. Seit 2006, zwei Jahre nach dessen Abzug, begann die Entwicklung des Ortes zu einem Internationalen Platz. Seitdem steht er für Begegnung, Dialog, Toleranz, Vielfalt und ein demokratisches Selbstverständnis.

Im letzten Jahr verbrachten wir im immer noch dräuenden Schatten dieser Anlage eine Woche Urlaub; eine mehr als seltsame Erfahrung, die mich dazu bewog, etwas genauer über die Geschichte des Ortes und seine historische Nutzung nachzudenken. Und dabei stellte ich fest, dass auch hier, wie so oft, die Vergangenheit nicht wirklich vergangen ist und auch dieser Ort Mahnungen für uns bereithält, derer wir uns in heutigen Zeiten durchaus (wieder) bewusst werden sollten.
Nachdem Anfang der 1930er Jahre bereits die Wähler in Scharen der NSDAP zugelaufen waren, kam es nach der Erlassung des Ermächtigungsgesetzes im Jahr 1933 zu massenhaften Eintritten in die Partei. Diese Entwicklung hatte – bei allem zunehmenden Konformitätsdruck in der deutschen Gesellschaft – fast zwangsläufig eine gesteigerte Heterogenität der Parteimitgliedgliedschaft zur Folge. Da gleichzeitig verdiente und langjährige Kader in den Staatsdienst wechselten, stand die NSDAP vor der Herausforderung, eine neue Elite politischer Führungspersonen herausbilden zu müssen, die als möglichst homogene Gruppe wahrgenommen werden und agieren konnte. Ab dem Jahre 1936 ging es nicht mehr vorrangig um Mobilisierung, sondern um die Absicherung der Herrschaft der Partei sowie die endgültige Umgestaltung einer bürgerlichen Gesellschaft in eine rassistische und antisemitische „Volksgemeinschaft“.
Die NSDAP reagierte auf die dargestellte Herausforderung mit dem Aufbau eines dreistufigen Ausbildungssystems: Die erste Stufe stellten die sogenannten Adolf-Hitler-Schulen dar. Hierauf aufbauend erfolgte die weitere Schulung in drei (perspektivisch vier) NS-Ordensburgen. Ihren Abschluss sollte die Erziehung schließlich in der Hohen Schule der NSDAP finden, die jedoch über einen Planungsstand nie hinauskam.
Wesentliches Ziel dieses Ausbildungssystems war es, den Menschen ausschließlich zum Teil des Kollektivs werden bzw. ihn vollständig im Kollektiv aufgehen zu lassen. Die neuen „Werte“, die vermittelt wurden, waren neben Heldentum und Skrupellosigkeit vor allem Gehorsam und Disziplin. In der Erziehung ging es ausdrücklich nicht um die Befähigung zu selbständigem Denken und Urteilen, sondern um eine geistige Entmündigung; die Erweckung eines absoluten Glaubens an und eines unbedingten Vertrauens in den Führer standen im Fokus. Grundlage dieses Glaubens und Vertrauens konnte nur eine vollständig in sich geschlossene und gegen jeden Einfluss sowie Zweifel von außen imprägnierte Weltanschauung sein. Im Sinne der NS-Herrschaft hatte eine Weltanschauung das Wissen zu zähmen. Wissen ohne Weltanschauung wurde als wertlos, wenn nicht gar als gefährlich angesehen; es hatte ganz vorrangig die Funktion, das nationalsozialistische Weltbild zu bestätigen.
Während in der Ordensburg Krössinsee der Schwerpunkt auf der Herausbildung von Korpsgeist und Gemeinschaftssinn der sogenannten Ordensjunker lag, die Ordensburg in Sonthofen der Erziehung zu Mut und Entschlusskraft gewidmet war und in Marienburg Fähigkeiten der praktischen Verwaltung vermittelt werden sollten, ging es in der Ordensburg Vogelsang um die Festigung des Glaubens an die Weltanschauung der NSDAP. Diesem Zweck verpflichtet war auch die Architektur der Gebäude und baulichen Anlagen: Ihr ging es um die Darstellung des Gigantischen, um die Selbstanbetung der Partei. In den Bauten kommen die militanten und teilweise todessüchtigen Grundzüge der NS-Weltanschauung zum Ausdruck. Auf dem gesamten Gelände sollte eine düstere Stimmung der allzeitigen Opferbereitschaft erzeugt werden, eine Atmosphäre der ich mich auch als heutiger Besucher nicht vollständig entziehen konnte.

Jeder Mensch hat seine Art auf die Welt zu schauen. Diese ist durch Familie, Ausbildung und Lebenserfahrung individuell geprägt. Das ist so selbstverständlich und unvermeidlich wie unproblematisch. Was die Geschichte der NS-Diktatur aber zeigt, ist, dass eine staatlich propagierte Weltanschauung – gerade, wenn sie einen Auschließlichkeitsanspruch erhebt – wo nicht zur Voraussetzung für barbarische Verbrechen, so doch zumindest zur Grundlage für autokratische und autoritäre Entwicklungen werden kann. Daher sollten alle Gesellschaften ein Frühwarnsystem entwickeln, um zu erkennen, wenn politische Akteurinnen und Akteure den Versuch unternehmen, Denken und Urteilen der Bevölkerung in eine gewisse Richtung zu lenken.
Ist ein solcher Hinweis Ausdruck von Alarmismus? Ich fürchte nein. In verschiedenen Ländern wird seit geraumer Zeit der Versuch unternommen, den Blick auf die Geschichte politisch zu bewirtschaften. Das gilt leider nicht nur für solche Länder, die diesbezüglich als „übliche Verdächtige“ bezeichnet werden könnten. Ein Umstand, der insbesondere deswegen erwähnenswert ist, als das Geschichtsverständnis sowohl die individuelle als auch die für das Kollektiv der Bürgerinnen und Bürger „vorgesehene“ Weltanschauung prägt. Weltanschauung wiederum prägt das Handeln von Individuen und Gemeinschaften.
Am 27. März 2025 erlies Donald Trump die Executive Order „Restoring Truth And Sanity To American History“. Hierin wird u. a. gefordert, dass sich alle Einrichtungen innerhalb des Zuständigkeitsbereiches des Innenministeriums zur Aufgabe machen, „die großartigen Errungenschaften und Fortschritte des Amerikanischen Volkes zu würdigen“ (Sec. 4 (a) (iii); Übersetzung: Thomas Freiss). In der Sec. 2 widmet sich die präsidiale Verfügung der Smithsonian Institution: Ziel müsse es sein, eine „unangemessene Ideologie“ aus der Stiftung zu entfernen und sie wieder zu einem „Symbol der Inspiration und Amerikanischer Größe“ zu machen, um so „Stolz in die Herzen aller Amerikaner“ zu pflanzen (Übersetzungen: Thomas Freiss). Die kritische Würdigung des Umstandes, dass auch die Geschichte der USA nicht ohne Brüche ist und nicht nur als eine Historie gleichberechtigt „gewährten“ Menschenrechts verstanden werden darf, gerät in den Vereinigten Staaten zunehmend unter Druck.
Aber auch in Deutschland rückt die Frage nach dem Verständnis der eigenen Vergangenheit verstärkt in den Fokus gewisser politischer Kreise. So widmet sich zum Beispiel die AfD im Abschnitt „Kultur und Medienpolitik“ ihres Programms für die Bundestagswahl 2025 ausdrücklich dem Geschichtsbild. Implizit schreibt sie der Würdigung der deutschen Geschichte eine herausgehobene Bedeutung für das „Nationalbewusstsein“ zu. Das in diesem Zusammenhang ein „ideologischer Furor“ ausgemacht wird, der sich „gegen Preußen und das Kaiserreich richtet“, mag bei einer Partei, deren Ehrenvorsitzender die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte bezeichnet hat, zwar nicht zu verwundern, sollte aber dennoch zu denken geben. Wie habe ich mir ein „Nationalbewusstsein“ vorzustellen, das im 21. Jahrhundert und unter Würdigung der vorliegenden historischen Erkenntnisse wesentlich durch den Wunsch geprägt ist, die „geistigen, technologischen und wirtschaftlichen Errungenschaften des ersten deutschen Nationalstaates“ zu betonen? Diese Frage lasse ich hier unbeantwortet. Nur so viel: Unwohlsein löst sie bei mir schon aus.
Was sind meine Lehren aus der Zeit an der Ordensburg? Macht strebt nach Gefolgschaft. Ungezügelte Macht fordert bedingungslose Gefolgschaft. Bedingungslose Gefolgschaft beruht auf Weltanschauung. Wohin eine Weltanschauung und eine aus ihr sich entwickelnde bedingungslose Gefolgschaft im schlimmsten Fall führen kann, zeigt unsere deutsche Geschichte.
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Wie komme ich drauf?
- Dieter Bartetzko – Bollwerke im Höhenrausch; Die Ordensburgen des „Dritten Reiches“
- IP Vogelsang: https://vogelsang-ip.de/de/leitmarken/vogelsang-ip-internationaler-platz/ein-besonderer-ort.html
- Ian Kershaw – Höllensturz
- Michael Wildt – „Volksgemeinschaft“ und Führer; Der Beitrag der NS-Ordensburgen zur Elitenbildung im Nationalsozialismus
- Edgar Wolfrum – Die Bedeutung der NS-Ordensburgen für das Verständnis des Nationalsozialismus
- Frieda Wunderlich – Education in Nazi Germany





