Vielen Menschen ist Adam Smith als Vater der Nationalökonomie und Erfinder der modernen Wirtschaftswissenschaften bekannt. Hierbei ist die Wahrnehmung dieses Denkers ganz wesentlich von einem Bild geprägt, das er in seinem Buch „Wohlstand der Nationen (WN)“ geprägt hat: der unsichtbaren Hand.
Mit diesem Bild beschreibt er seine Überzeugung, wonach eine freie Interaktion von freien Markteilnehmerinnen und Marktteilnehmern die allgemeine Wohlfahrt einer Gesellschaft steigert, ohne, dass diese Wohlfahrtssteigerung an sich von den Handelnden angestrebt wird. In seinen eigenen Worten:
„[Bei seinen Handlungen] beabsichtigt er lediglich, seinen eigenen Gewinn und wird in diesen wie in anderen Fällen, von einer unsichtbaren Hand geleitet, dass er einen Zweck befördern muss, den er sich in keiner Weise vorgesetzt hatte. (…) Verfolgt er sein eigenes Interesse, so befördert er das der Nation weit wirksamer, als wenn er dies wirklich zu befördern die Absicht hätte.“ (WN, IV, 2)
Wird den vorstehenden Aussagen das nachfolgende Zitat hinzugefügt, so vermag es nicht gänzlich zu verwundern, dass Adam Smith im Laufe der Jahrhunderte das Etikett des marktgläubigen Fürsprechers eines ausgeprägten Egoismus angeheftet wurde:
„Nicht vom Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern in ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse.“ (WN, I, 2)
Nun ist es mit Etiketten so eine Sache. Ihre Verwendung hilft zwar bei der Einordnung von Personen und ihren Aussagen, macht sie für uns besser fassbar. Ob dem konkreten Menschen und seiner eigentlichen Positionen dabei allerdings Recht geschieht, steht auf einem ganz anderen Blatt. Und bei Adam Smith scheint mir das nicht so zu sein.
Wem es darum geht, Smith und sein Denken in einem größeren Kontext zu erfassen, darf die Betrachtung nicht auf isolierte Passagen seines Werkes beschränken, seien sie auch noch so prominent. Vielmehr hilft es, die Zeit in der er gelebt und gewirkt hat ebenso in den Blick zu nehmen, wie seinen Charakter. Und wer sich darüber hinaus noch der Mühe unterzieht, den „Wohlstand der Nationen“ auch jenseits seiner bekanntesten Aussprüche zur Kenntnis zu nehmen, wird sehen, dass Adam Smith sich gerade nicht für eine uneingeschränkte Marktfreiheit, einen ungebremsten Egoismus und – damit verbunden – für einen „Nachtwächterstaat“ ausgesprochen hat.
Die schottische Aufklärung
Neben Francis Hutcheson, David Hume, Thomas Reid und Adam Ferguson gehört Adam Smith zu den wesentlichen philosophischen Denkern der schottischen Aufklärung. In dieser Zeitspanne im 18. Jahrhundert brachte Schottland eine solche Vielzahl herausragender Persönlichkeit hervor, dass es von Tobias Smollet als „hot-bed of genius“ bezeichnet wurde.
Das erklärte Ziel des seinerzeitigen Denkens und Forschens war die Verbesserung aller gesellschaftlichen Lebensbereiche. Es bildete sich eine Bewegung heraus, die von einer aktiven bürgerlichen Kultur geprägt war. Während sich das politische Leben weitgehend im fernen London abspielte, formierte sich in den großen Städten Schottlands eine lebendige und einflussreiche Zivilgesellschaft, die ihren Ausdruck auch und besonders in der Gründung literarischer Clubs fand. Hier kamen Personen der verschiedensten Professionen zusammen, um die wichtigen Fragen ihrer Zeit zu diskutieren.
Neben der gelehrten Geselligkeit in diesen literarischen Clubs traten Veränderungen an den Universitäten, die für die intellektuelle Entwicklung im Rahmen der schottischen Aufklärung prägend wurden.
War es bis zum Ende des 17. Jahrhunderts üblich, dass Vorlesungen in Disziplinen wie Naturphilosophie, Logik oder Moralphilosophie in einem rollierenden System von allen Professoren einer Universität gehalten wurden, kam es zu Beginn des 18. Jahrhunderts zu einer Reform, in deren Zuge sich die Lehrkräfte stärker spezialisierten und somit eine weitere Verwissenschaftlichung der akademischen Einzeldisziplinen vorantreiben konnten. Besonders geprägt von den Erkenntnissen Issac Newtons und im Rückgriff auf den aus England importierten Deismus ging es den schottischen Aufklärern um die Etablierung einer empirischen Wissenschaft vom Menschen, die auf einer genauen Analyse der menschlichen Erkenntnisfähigkeiten und den Läuften der Menschheitsgeschichte fußt.
Insgesamt gewann im 18. Jahrhundert eine berufstätige Mittelschicht verstärkten Einfluss auf die Gesellschaft und Politik Schottlands. Sie entwickelte sich zu einer Art „mittleren Managements“ (Nicholas Phillipson) des Landes, deren Wirken zu einer engen Verbindung von Bildungswesen, Kultur und öffentlichem Leben führte. Zwar hatten die Bürgerinnen und Bürger Schottlands durch den „Act of Union“ von 1707 ihre politische Unabhängigkeit verloren, stießen aber gleichzeitig viele Entwicklungen hin zu größerer Freiheit und größerem Wohlstand an.

Der Mensch Adam Smith
Adam Smith war einer der wesentlichen Vertreter der sogenannten „literati“ Schottlands; er sah sich selbst als humanistisch gebildeten und politisch engagierten Intellektuellen. Sein Wirken war darauf gerichtet, eine aufgeklärte, liberale Bildungsgesellschaft zu begründen und aufrechtzuerhalten.
Mittels seines Theroiesystems, das aus Überlegungen zur Ethik sowie Gedanken zum Rechtswesen und zur politischen Ökonomie bestand, analysierte er die von ihm beobachteten gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten, um ausgehend von diesen Analysen weitere Entwicklungen in Richtung humaner und aufgeklärter Lebensbedingungen für alle Menschen zu ermöglich.
In seiner Biographie „Adam Smith – Wohlstand und Moral“ beschreibt Gerhard Streminger Adam Smith als eine Person, in deren Gesellschaft sich die allermeisten Menschen aufgrund „seines enormen Wissens und seiner ausgeprägten Fähigkeit, an der Situation anderer teilhaben zu können“, sehr wohl fühlten. Als Professor nahm er an der Entwicklung seiner Studenten großen Anteil und war stets für sie ansprechbar. Smith pflegte langanhaltende Freundschaften – insbesondere zu David Hume. Und da ihm bei einem bescheidenen persönlichen Lebenswandel Geldsorgen fremd waren, konnte er seinen Mitmenschen gegenüber auch materiell sehr großzügig sein.
In den Augen Stremingers war Adam Smith „ein überaus mitfühlender Mensch„, der sich „in den verschiedenen neoliberalen Clubs, die ihn ehrfurchtsvoll zum Säulenheiligen erkoren haben, kaum wohlgefühlt [hätte]“.
Der Wohlstand der Nationen
Mit seinen Überlegungen im „Wohlstand der Nationen“ wendete sich Adam Smith gegen die in seiner Zeit vorherrschende ökonomische Auffassung des Merkantilismus. Hiernach ist es das Ziel der volkswirtschaftlichen Praxis, eine positive Leistungsbilanz durch die Ausfuhr möglichst vieler Waren bei gleichzeitig geringem Import zu erzielen. Nach Smiths Überzeugung und Beobachtung führt der Merkantilismus systemisch zwar zu einer Mehrung des Reichtums feudaler Herrschaftseliten, nicht jedoch zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bürgerinnen und Bürger eines Staates. Genau hierum ging es Smith aber: Der Staat sollte aus Gründen der Gerechtigkeit allen Menschen ermöglichen, ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen zu können. Eine Freiheit, die ein gewisses Maß an Wohlstand Aller erfordert.
Weit davon entfernt, das individuelle Streben nach wirtschaftlichem Erfolg zu leugnen, war Smith gleichzeitig davon überzeugt, dass die Menschen die Fähigkeit zur Empathie und Überparteilichkeit besitzen. Allerdings bedarf es, um das natürliche Streben nach dem eigenen Nutzen auf der einen Seite und die gesellschaftlich gewünschte Förderung des Gemeinwohls auf der anderen Seite in eine Balance zu bringen, nach Smith eines rahmensetzenden institutionellen Systems. Denn der vollständig freie Markt alleine kann eben nicht alle Voraussetzungen schaffen und garantieren, die für ein wirklich freies und gerechtes Handeln der Menschen erforderlich sind. Daher muss der Staat – wenn auch ausdrücklich nur in sehr wenigen Bereichen – in das politisch-ökonomische Geschehen eingreifen. Nur durch ein aktives Handeln des Staates auf den Gebieten Militär, Justiz, öffentliche Verwaltung, Bildung und Erziehung sowie Infrastruktur kann es nach Smith gelingen, einen Wettbewerb freier Menschen zu fördern, in dessen Verlauf der wirtschaftliche Erfolg Einzelner gleichzeitig den wirtschaftlichen Erfolg Vieler ermöglicht.
Ob diese Sicht auf volkswirtschaftliche Funktionsweisen, deren wichtige Teile später als „trickle down-effect“ beschrieben wurden, der Realität entspricht, soll an dieser Stelle nicht erörtert werden.
Worum es ging, war, Adam Smith als einen universellen Denker und Zeitgenossen einer Epoche vorzustellen, in der es das Ziel war, die Situation möglichst vieler Menschen in möglichst vielen Belangen zu verbessern. Diese Zeitgenossenschenschaft und seine tiefe Überzeugung, dass nachhaltiger Wohlstand nur auf Grundlage ethischen Verhaltens möglich ist, macht es im Sinne der Fairness schwer wenn nicht gar unmöglich, Adam Smith auf das weitverbreitete Verständnis der unsichtbaren Hand zu reduzieren. Wie so oft gilt auch hier: „There’s more to the picutre than meets the eye“ (Neil Young).
Fin de l’article 😏
Wie komme ich darauf?
- Adam Smith – „Wohlstand der Nationen“
- Gerhard Streminger – „Adam Smith – Wohlstand und Moral“
- Karl Graf Ballestrem – „Adam Smith“
- Nicolas Phillipson – „Die schottische Aufklärung“
- Maria Pia Paganelli – „Recent Engagements With Adam Smith And The Scottish Enlightenment“