„Photographs are often treated as important moments, but really they are fragements and souveniers of an unfinhed world.“
Saul Leiter (1923 – 2013)
Wir hatten uns ganz spontan dazu entschieden, nach Amsterdam zu fahren und diesem Entschluss verdanken wir einen weiteren „geschenkten Tag“, wie wir das nennen. Einen Tag, an dem es keine Routine gibt, keine Verpflichtungen; einen der eher seltenen Tage, an dem nichts zählt, außer das, was wir gerade gemeinsam tun.
So machten wir uns auf den Weg, um gut eine Woche vor Toresschluss die Ausstellung „Saul Leiter An Unfished World“ im Foam an der Keizersgracht 609 zu besuchen. Und alleine dieses wunderbare Gebäude wäre den Weg schon wert gewesen.

Ursprünglich war das Foam ein Wohn- und Lagerhaus im Besitz des Unternehmers Carel Joseph Fodor. Fodor begann im Jahre 1834 mit der Sammlung von Gemälden, Zeichnungen und Drucken. In seinem Testament bestimmte er, dass die Räumlichkeiten des Lagerhauses nach seinem Tode als Ausstellungsfläche genutzt werden sollten, auf der die Öffentlichkeit Amsterdams Zugang zu seiner privaten Sammlung erhält. Nachdem hier zwischen 1994 und 2001 das Niederländische Design Institut untergebracht war, öffnete am 13. Dezember 2001 das Foam erstmals seine Pforten, und auch nach einer Renovierung im Jahr 2002 begleitet die Besucherinnen und Besucher eine historische Atmosphäre durch die Ausstellungen.
Wann wir das erste Mal von Saul Leiter gehört oder gelesen haben, weiß ich mehr so genau, es dürfte aber schon ein paar Jahre her sein. Leiter arbeitete über lange Zeit erfolgreich als Modefotograf z. B. für den Esquire, den Haper’s Bazar, Elle oder Vogue. Was mich von Anfang an faszinierte, war seine Straßenfotografie.
Seit 1952 lebte er mehr als 60 Jahre in der 10ten Straße New Yorks. Diese Nachbarschaft war es, die er immer wieder auf seinen Spaziergängen durchmaß und wo er so viele seiner Motive fand. Seine Fotografien sind das Ergebnis genauen Hinschauens, des Hinschauens eines Malers aus dem Kreis der abstrakten Expressionisten. Leiter war sich der Tatsache bewusst, dass er das, was wir die Welt oder die Realität nennen, in seinen Fotografien nie vollständig würde abbilden können. Als Mensch war er bescheiden, als Künstler nahm er sich ernst, aber nicht wichtig. Genau das ist es, was für mich in dem Zitat zum Ausdruck kommt, mit dem dieser Eintrag beginnt.

Seit dem Besuch der Leiter-Ausstellung beschäftigt mich der Ausdruck „unfinished world“. Er klingt so ganz besonders und ich habe in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht, mit welchem konkreten Inhalt ich ihn für mich füllen könnte. Die gedankliche Näherung, die ich versucht habe, erfolgte über die Frage, wie uns das erreicht, was wir gemeinhin Welt oder Realität nennen.
Welt konstituiert sich für uns mittels der Wahrnehmung. Als Wahrnehmung können wir die Aufnahme, die Auswahl, die Verarbeitung sowie die Interpretation von Sinnesinformationen verstehen. Dabei ist es uns schon allein aus Gründen der Kapazität niemals möglich, alle Reize, die unsere Umwelt aussendet, zu verarbeiten oder auch nur zu erfassen. Dieser Umstand macht eine Auswahl der Informationen erforderlich, die im Wahrnehmungsprozess zu uns durchdringen.
Sprechen wir speziell über das Sehen tritt ein weiterer Effekt hinzu, der als „blinder Fleck des Auges“ bezeichnet wird. An der Stelle der Netzhaut, an der Sehnerv das Auge verlässt, befinden sich keine Lichtrezeptoren, so dass das menschliche Auge an dieser Stelle blind ist. Diesen Effekt bemerken wir allerdings nicht, da unser Gehirn in der Lage ist, das Gesehene zu einem vollständigen Bild zu ergänzen.
Menschliche Wahrnehmung zeichnet sich somit dadurch aus, dass unser Bild nie ausschließlich aus der vollständigen Erfassung aller Reize, die die Umwelt aussendet, gebildet wird. Vielmehr entsteht ein für uns konsistentes und schlüssiges Bild der Welt jeweils mittels individueller Auswahl, Interpretation und wahrnehmungsphysiologischer Vervollständigung der uns notgedrungen unvollständig erreichenden Umweltinformationen. Für Siri Hustvedt hängt Wahrnehmung darüber hinaus „entscheidend von der spezifischen eigenen Situation und eigenen Enzyklopädie des Wissens“ ab.
Diese Vorstellung der menschlichen Wahrnehmung ist meines Erachtens aber noch nicht vollständig. Vielmehr sollten wir sie ergänzen, durch das Verständnis von Wahrnehmung als einer Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt. Erst durch eine Interaktion bzw. den Umstand, dass wir mit unserer Umwelt in Beziehung treten, lässt in uns ein umfassendes Bild von der Realität entstehen. Paul Auster spricht davon, dass die Welt ihre Existenz nur durch Bewegung auf sie zu erhält.

Führen wir beide Gedanken zusammen, so erscheint die wahrgenommene Welt letzten Endes als die Summe einer unermesslichen Vielzahl individueller Perspektiven und Beziehungen. Wie aber verständigen wir uns unter diesen Bedingungen und Voraussetzungen über unsere gemeinsame Umwelt? Basis hierfür bildet die Tatsache, dass es eine unter sehr vielen Menschen geteilte Gewissheit gibt: Gegenseitig gestehen wir uns unausgesprochen zu, dass in unserer sinnlichen wahrnehmbaren Welt das jeweils Wahrgenommene auch grundsätzlich Gültigkeit besitzt.
Wahrnehmung von Kunst bedeutet in diesem Sinne ganz wesentlich, dass eine Beziehung zwischen dem Kunstwerk einerseits sowie den Betrachterinnen und Betrachtern andererseits aufgebaut werden muss, damit ein Kunstwerk seine Wirkung entfalten kann. Und für Saul Leiter vollendet eben diese Beziehung die durch seine Fotografie gezeigte Welt. Seine Aufnahmen konnten für ihn nichts anderes sein als die die Darstellung von Fragmenten unserer Realität. Was diese Fragmente für uns bedeuten, dass hängt für Leiter ausschließlich von uns ab. In unserer Betrachtung und Auseinandersetzung mit dem Gesehenen entwickeln wir seine Fotografie erst vollständig.
Fin de l’article 😉
Wie komme ich drauf?
- Paul Auster – „Der entscheidende Moment“
- Thomas Fuchs – „Die gemeinsame Wahrnehmung der Wirklichkeit“
- Siri Hustvedt – „Offene Grenzen: Erzählungen au dem Leben einer intellektuellen Vagabundin“
- Rolf Nobel – „Die Straße als Bühne“
- Ingo Taubhorn – „Der unzeitgemäße Pionier“
- Brigitte Woischnik – „Der Spaziergänger“