„(…) der Besitz der Wahrheit ist nicht alles, worauf es im Denken ankommt. Wir können uns auch einem freien Spiel unserer Gedanken hingeben. Als Einsatz gilt dann jeder Satz, der attraktiv genug ist, um das Denken zu weiteren Einsätzen zu animieren.“
(Martin Seel in „Nichtrechhabenwollen – Gedankenspiele“)
Unser Leben ist unendlich bunt. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel spricht von der Welt als einem „Schauplatz unglaublicher Reichtümer“.
Es war spannend zu erleben, wie viele dieser Reichtümer mir in den letzten Jahren als Fragen begegnet sind und wie sich im Laufe der Zeit durch die Beschäftigung mit diesen Fragen ein Netzwerk von Interessen herausgebildet hat.
Glücklicherweise lebt dieses Netzwerk. Die Welt ist noch lange nicht fertig damit, mich in Erstaunen zu versetzen und mir neue Fragen zu stellen. Und ich liebe es, immer wieder Versuche zu unternehmen, diese Fragen zu beantworten. Dabei habe ich so gut wie nie eine Vorstellung davon, wohin mich meine Versuche führen werden, was auch nicht weiter schlimm ist. Meine Gedanken dürfen und sollen sich entwickeln, springen und mich überraschen. Eins kann und soll zum anderen kommen. Dass ich mich irre, ist dabei immer wahrscheinlicher, als das ich mich nicht irre.
Nun scheint es aber so zu sein, dass wir in einer Zeit leben, in der jeder Irrtum peinlich vermieden wird. Er gilt als Schwäche. Irren ist aber bekanntlich menschlich, und erst, wenn wir bereit sind – auch auf die Gefahr, falsch zu liegen -, eine Position einzunehmen und sichtbar zu machen, wird in der Auseinandersetzung damit Erkenntnis und Fortschritt möglich. So verstanden wird Irrtum ziemlich produktiv.
Jetzt maße ich mir nicht an, zur Erkenntnis oder zum Fortschritt beitragen zu können; das bleibt deutlich größeren Geistern vorbehalten. Aber vielleicht regen meine Überlegungen zum Nachdenken an. Dazu, Gedanken eigene Gedankenspiele zu unternehmen.
Meine Versuche, das, was mich interessiert, etwas besser zu verstehen, werde ich regelmäßig/unregelmäßig in diesem Blog veröffentlichen. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mir
- (hoffentlich mit einem großen Herzen) dabei zuschaut, wie ich mich immer wieder irre;
- per Mail oder Kommentar zu einem Eintrag Eure Gedanken mitteilt;
- meine Einladung zum Gedankenspiel annehmt.
In diesem Sinne:
Auf in unsere bunte Welt und auf in den produktiven Irrtum.
-
Vorsicht: Weltanschauung
In der Eifel, oberhalb der Urfttalsprerre bei Schleiden-Gemünd, befindet sich der Internationale Platz Vogelsang. Zwischen 1936 und 1939 gehörten die hier errichteten Gebäude zur sogenannten Ordensburg Vogelsang und dienten der Ausbildung des NSDAP-Führungsnachwuchses. Die Liegenschaft stellt neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg und dem Seebad Prora auf Rügen eine der größten baulichen Hinterlassenschaften der NS-Zeit in Read more
-
Saul Leiter und der blinde Fleck
„Photographs are often treated as important moments, but really they are fragements and souveniers of an unfinhed world.“Saul Leiter (1923 – 2013) Wir hatten uns ganz spontan dazu entschieden, nach Amsterdam zu fahren und diesem Entschluss verdanken wir einen weiteren „geschenkten Tag“, wie wir das nennen. Einen Tag, an dem es keine Routine gibt, keine Verpflichtungen; Read more
-
Was für ein Theater – (3) „Warum Theater?“
Warum Theater? Wozu das ganze Theater? Denke ich über diese Fragen nach, was übrigens regelmäßig und gerne nach Theaterbesuchen vorkommt, gehe ich von der folgenden Annahme aus: Wir Menschen wollen die Welt, wie wir sie erleben, verstehen. Wir wollen verstehen, was die Welt, und wie wir sie erleben, für uns bedeutet. Da sie sich aber Read more
-
Ein Enkel stellt sich Fragen
„Ich möchte jedoch jetzt in vollem Ernst erklären, daß in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und daß der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist.(Betrand Russell) Zurzeit führen wir in Deutschland erneut eine Diskussion über die Bedeutung Read more
-
Was für ein Theater – (2) „Die Wirkung des Theaters“
Woran liegt es, dass das Theater immer wieder in der Lage ist, mich tief zu beeindrucken und zu bewegen. Welchen Grund kann es dafür geben, einmal abgesehen von meiner sehr persönlichen Bereitschaft, mich beeindrucken und bewegen zu lassen?Nach einigen Überlegungen habe ich drei mögliche Erklärungsansätze gefunden, die jeweils eine sehr eigene Perspektive eröffnen. Der „religiöse“ Read more
-
Gedenken im öffentlichen Raum
Niemand wird in der aktuellen Situation ernsthaft bestreiten können, dass wir uns in einer Zeit multipler Krisen befinden. Dies vorausgeschickt stellt sich die Frage, was in einer Gesellschaft geschieht, die sich selbst als eine krisengeschüttelte wahrnimmt. Nicht zuerst aber doch recht früh, nachdem sich so etwas wie ein kollektives Bewusstsein der Krise(n) und der damit verbundenen Notwendigkeit Read more