Was für ein Theater? – (1) „Was bisher geschah“

3–4 Minuten

Da ein versammeltes Publikum nötig ist, kann es kein Theater für niemanden geben, jedoch aber für eine Person, denn in dem Moment, in dem es den Theaterraum betritt, um ihren Platz einzunehmen, versammelt sie sich mit sich selbst.
(Alain Badiou – „Rhapsodie für das Theater“ – VIII, S. 29)

Einem Ausspruch folgend ist Film Kunst, TV ein Möbelstück und Theater das Leben. Wenn wir zugunsten des Theaters einmal annehmen, dass dieser Ausspruch der Realität entspricht, erscheint es lohnend, darüber nachzudenken, welchem Leben wir im Theater begegnen und was uns das Theater mit Blick auf dieses Leben anzubieten hat.

Bühne im Théâtre des Bouffes du Nord, Paris – Bild: Thomas Freiss

Das Theater, so wie wir es heute kennen, hat seinen Ursprung im Dionysos-Kult. Der hier verehrte Dionysos war ebenso der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase, wie er in der griechischen Mythologie für Zerstörung und Chaos stand. Da sowohl Freude und Ekstase als auch Wahnsinn und Zerstörung zum Leben gehören, dürfen wir annehmen, dass Dionysos „seinem“ Theater einiges von dem mit auf den Weg gegeben hat, was unser Leben tatsächlich ausmacht. 

Beginnend im 6. Jahrhundert vor Christus erschufen die griechischen Autoren Thespis, Aischylos, Sophokles und Euripides innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit das Theater, wie wir es heute noch kennen.
Hierbei tat Thespis den ersten und wohl entscheidenden Schritt: Er gesellte dem bis dahin allein vortragenden Chor ein Gegenüber hinzu. Zwischen diesem „Antworter“ und dem Chor konnte sich eine Interaktion entwicklen, die den traditionellen Vortrag in Form des Chorgesangs völlig verwandelte. Statt eines monologischen Berichts verfolgten die Zuschauerinnen und Zuschauer nun ein „Handeln“ (griechisch: drama) auf der Bühne.  

Im 5. Jahrhundert vor Christus gewann die Entwicklung des Theaters eine besondere Dynamik. Aischylos führte in seinen Stücken eine zweite spielende Person ein, was die dramatischen Möglichkeiten wesentlich erweiterte. Sophokles wird eine stärkere illusionistische Ausgestaltung des Bühnenhauses zugeschrieben, so dass er als Erfinder des Bühnenbildes gelten darf. Daneben erweiterte er den Kreis der Spielenden um eine dritte Person.
Während für Aischylos und Sophokles die göttlichen Prophezeiungen noch wesentlicher Gegenstand der dramatischen Setzung waren, rückte Euripides erstmals die menschlichen Realitäten und die ihnen innenwohnenden Widersprüche in den Fokus. Der Mensch entwarf seine eigene Zukunft, wodurch die Diskussion der Verantwortung (als eines weiteren unabdingbaren Bestandteils unseres Lebens) Einzug in das Theater hielt. Waren Fragen nach der menschlichen Existenz bislang der göttlichen Sphäre sowie der Welt der Riten und Tempel vorbehalten, brachten Aischylos, Sophokles und Euripides – jeder auf seine Art – das Leben der Menschen auf die Bühne.

Dass im antiken Griechenland Theater nicht nur gespielt wurde sondern auch Gegenstand philosophischer Überlegungen war, zeigen die Politea von Platon und die Poetik von Aristoteles.
Platon lehnte die Kunst im Allgemeinen ab, wobei der Begriff der „mimesis“ (Nachahmung, Darstellung) eine zentrale Position einnahm. Unmittelbar auf das Theater bezogen stellte er fest, dass der dramatische Dichter nur „in Floskeln und Phrasen [redet,] ohne selbst [von dem dargestellten Inhalt] etwas gründlich zu verstehen.“ Somit würden die „unverständigen Menschen […] nur den Glanz der Phrasen begaffen„. Für Platon war das Theater also ganz eindeutig nicht das Leben oder gar die Wahrheit an sich. Vielmehr stellte es für ihn eine Gefahr dar und wäre streng betrachtet sogar gänzlich zu verwerfen gewesen. Akzeptabel war Theater für Planton nur, solange es sich an den Zielen der Erziehung orientierte, die von der Philosophie definiert wurden. 
Aristoteles ging weniger streng mit dem Drama ins Gericht. Zwar besaß es auch für ihn kein Vermögen zur Wahrheit, denn auch auch nach Aristoteles war es seinem Wesen nach mimetisch und gehörte „einer Scheinwelt an„. Allerdings sprach er dem Theater weniger eine intellektuelle oder kognitive als vielmehr eine therapeutische Funktion zu. In dem Maße, in dem das Theater Fragen nach dem richtigen Handeln der Menschen aufwarf, erhielt es für Aristoteles eine große soziale und politische Bedeutung. Zum Leben an sich wurde es allerdings auch für ihn nicht.  

To be continued

Wie komme ich darauf?

  • Manfred Brauneck – „Europas Theater“
  • Rüdiger Scharper – „Spektakel“
  • Therese Fuhrer und Martin Hoser – „Das antike Drama“

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