Öffentlichkeit, Räume, dritte Orte (1/2) -Welche Öffentlichkeit?

5–7 Minuten

Die aktuelle Weltlage und das hierin eingebettete Leben werden von uns vermehrt als Zumutung empfunden. Kriege, militärische Krisen sowie die Sorge vor politischer, wirtschaftlicher und sozialer Überforderung lassen ein Gefühl der Resignation und den Wunsch nach Rückzug entstehen. Die Tatsache, dass solche Empfindungen sehr individuell sind, erschwert den gesellschaftlichen Umgang mit dieser Situation.  

Allerdings: Niemand hat uns jemals ernsthaft ein Leben ohne Zumutungen versprochen. Wir sind trotz allem aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und unser Umfeld bestmöglich zu gestalten. Diese Verantwortung zu tragen und die hiermit verbundenen Fragen anzugehen, dabei hilft uns unsere Begabung zur Vernunft. Vernunft zeigt sich sich individuell und kann sich gleichermaßen kollektiv entwickeln, wobei kollektive Vernunft Öffentlichkeit benötigt; Öffentlichkeit verstanden in einem allgemeinen sowie einem spezifisch architektonisch-städtebaulichen Sinne. 

Öffentlichkeit benötigt Räume und Orte, die wir uns jedoch nicht als voraussetzungsfrei vorstellen dürfen. Was wir unter einer politisch produktiven Öffentlichkeit sowie unter Räumen und Orten, die eine solche Öffentlichkeit fördern, (auch) verstehen können, davon soll im Folgenden die Rede sein.

Öffentlichkeit

Die politische Bedeutung der Öffentlichkeit

Jürgen Habermas spricht von der Öffentlichkeit als einem „Organisationsprinzip unserer politischen Ordnung“. Sie ist ein konstitutives Element moderner Gesellschaften, da sich nur hier Chancen zur Partizipation und Teilhabe einklagen und realisieren lassen. Das von ihm beschriebene und für die Überlegungen in diesem Artikel relevante Konzept ist eng verbunden mit der bürgerlichen Gesellschaft und kann somit auch als „bürgerliche Öffentlichkeit“ bezeichnet werden. Diese entwickelte sich in Deutschland beginnend im 18. Jahrhundert und auch hier im Gegensatz zu einer Öffentlichkeit, die durch Fürstenhäuser und die hierarchische Ordnung der Stände repräsentiert wurde.

Der „Grundriss der bürgerlichen Öffentlichkeit“ (Habermas) lässt sich grob schematisiert wie folgt darstellen: Die basale Unterscheidung besteht zwischen dem Privatbereich einerseits und der Sphäre der öffentlichen Gewalt andererseits. 
Der Privatbereich gliedert sich weiter auf, erstens in die bürgerliche Gesellschaft und zweitens in die politische bzw. literarische Öffentlichkeit. Die bürgerliche Gesellschaft kann als Spähre des ökonomischen Warenverkehrs und der (gesellschaftlichen) Arbeit verstanden werden. Ihr sozialer Raum ist wesentlich die Familie. Die politische bzw. literarische Öffentlichkeit manifestiert sich in der publizierenden Presse und in Kultureinrichtungen wie z. B. Theatern und Museen. Ihr sozialer Interaktionsraum ist die Stadt.    
Dem Privatbereich gegenüber steht die Sphäre der öffentlichen Gewalt des Staates, realisiert in einem Beziehungsgefüge der öffentlichen Ordnung.

Die Geschichte der Öffentlichkeit

Die historische Entwicklung der Kategorie „Öffentlichkeit“ bzw. „öffentlich“ nahm ihren Anfang im antiken Griechenland, wo sie sich sozial in der polis und lokal auf der agora konstituierte. Vor dem Hintergrund sich stetig verschärfender sozialer Ungleichheiten und angetrieben sowohl von einem ausgeprägten Gerechtigkeitsglauben als auch von der starken Überzeugung, dass Menschen Erkenntnis- und Handlungsmöglichkeiten gegeben sind, entstand mit der Öffentlichkeit ein „geistiger Umschlagsplatz“ und eine „intellektuelle Instanz“ (Christian Meier). Im Selbstverständnis der antiken Griechen war hier der Raum, Themen zur Sprache zu bringen, damit die freien Bürger der Stadtgesellschaft um die besten Lösungen ihrer gemeinsamen Probleme ringen konnten. Das Ergebnis dieser Aushandlungsprozesse war nicht nur das gemeinsame Verständnis über die aus gegebenen Situationen resultierenden Erfordernisse. Vielmehr entstanden darüber hinaus auch Ansprüche an die gesellschaftliche und politische Ordnung, in der die Gemeinschaft leben wollte. 

Im Mittelalter wandelte sich das Verständnis von Öffentlichkeit grundlegend. Nun war die öffentliche Sphäre nicht mehr der Ort für politische Diskussion und Austausch, sondern ein Raum, in dem Herrschaft demonstriert wurde und der Adel gegenüber den Untertanen seine Macht durch Zeremonien, Gesten und Habitus zum Ausdruck brachte. Je mehr sich das feudale Leben im Laufe der Zeit an die Höfe verlagerte desto stärker gewann die öffentliche Gewalt – repräsentiert durch Militär und Körperschaften städtischer Ordnung – an Bedeutung. 

Zwei langfristige Entwicklungen führten nach und nach zur Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit. Erstens bildeten sich in den urbanen Zentren neue ökonomische Netzwerke und Kooperationsformen, die insbesondere im Aufbau eines professionellen Finanzmarktes und der Gründung von Aktiengesellschaften Gestalt annahmen. Zweitens kam es – inspiriert durch die Informationsbedürfnisse der neuen wirtschaftlichen Akteure – zur Herausbildung und Etablierung einer publizierenden Presse. Diese beiden Entwicklungen sind nach Habermas als ein „frühkapitalistischer Verkehrszusammenhang“ zu verstehen.

Die sich langsam formierende bürgerliche Gesellschaft verließ nach und nach ihren bislang angestammten Bereich des privaten Haushalts und trat in das Licht der Öffentlichkeit. Sie beanspruchte zunehmend Mitspracherechte, wenn es um die Gestaltung der Sphäre des Warenverkehrs und der (gesellschaftlichen) Arbeit ging; es bestand wieder ein unmittelbares Interesse an den Belangen des sozialen wie ökonomischen Zusammenlebens. Öffentliches Leben bedeutete nunmehr Wunsch und Fähigkeit sich im öffentlichen Raum auszudrücken

Erste Stätten dieses Ausdrucks waren Kaffeehäuser, Salons, Clubs und Lesezirkel, in denen über die verschiedensten, zunehmend auch politischen, Themen diskutiert wurde und die von Habermas als „literarische Öffentlichkeit“ bezeichnet werden. Die soziale Interaktion in der literarischen Öffentlichkeit wurde geprägt durch Privatleute, die sich als ebenbürtig ansahen und einen Umgang ohne Statusunterschiede pflegten; Öffentlichkeit entwickelte sich immer mehr zu einem Bestandteil des privaten Lebensbereiches. 

Für den us-amerikanisch-britischen Soziologen Richard Sennett ist hiermit die kurze Geschichte der (bürgerlichen) Öffentlichkeit aber noch nicht zu Ende erzählt. In seinem 1983 in Deutschland erschienen Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ diagnostiziert er eine gesellschaftliche Situation, in der das Verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre aus dem Lot geraten ist, und die für ihn zu einer „Tyrannei der Intimität“ führte.

Die Tyrannei der Intimität

Je länger, desto mehr habe sich die öffentliche Aufmerksamkeit von den allgemeinen gesellschaftlichen Konstellationen und der Conditio humana an sich verschoben zur individuellen psychologischen Verfasstheit der Bürgerinnen und Bürger. Im Verlaufe dieser Entwicklung habe eine Verwandlung politischer, ökonomischer und sozialer Kategorien zu psychologischen Kategorien stattgefunden. Sennett liefert hiermit eine Beschreibung, die insofern nicht zu überraschen vermag, als bereits Habermas die Psychologie neben der Politischen Ökonomie als zweite „spezifisch bürgerliche“ Wissenshaft bezeichnet hat. Unter den Gesetzten der Tyrannei der Intimität ziehen sich die Menschen, Sennett zu folgen, immer mehr aus dem öffentlichen Raum zurück. Engagierten sie sich unabhängig dessen doch für öffentliche Angelegenheiten, so geschehe dies im Wesentlichen motiviert durch höchstpersönliche Gefühlslagen, obschon gesellschaftliches Engagement regelmäßig eine Abstraktion auf eine nichtpersonale Ebene erforderlich mache, ein Thema, mit dem ich mich bereits im vorausgegangenen Artikel dieses Blogs beschäftigt habe.

Nach und nach erfülle die Öffentlichkeit die Menschen mit Sorge. Vermehrt würden öffentliche Äußerungen auch unabhängig von ihrem sachlichen Kontext als unwillentliche Selbstoffenbarung des Charakters oder der Persönlichkeit der Sprecherinnen und Sprecher gelesen. Gesprochen würde nunmehr zunehmend über Empfindungen und Absichten und weniger über das konkrete Handeln bzw. konkrete Handlungsoptionen. Darüber hinaus würden die unvermeidlichen Härten sozialen Zusammenlebens als etwas angesehen, das überwältige bzw. vom Individuum nicht mehr zu bewältigen sei, so dass es einen sich verstärkenden Wunsch nach Unsichtbarkeit gebe.

Nun ist selbstverständlich zu konstatieren, dass der Begriff der Öffentlichkeit in Zeiten des Internets ein ganz neue, vom körperlichen Zusammentreffen der Menschen völlig unabhängige, Bedeutung gewonnen hat. Da mich hier allerdings insbesondere die städtebaulich-architektonischen Facetten des Öffentlichkeitsbegriffs beschäftigen (und im Sinne der Handhabbarkeit des Themas in der mir zur Verfügung Zeit) möchte ich es an dieser Stelle mit der Untersuchung bewenden lassen. Der digitalen Öffentlichkeit werde ich mich vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt widmen.

to be continued

Wie komme ich drauf?

  • Jürgen Habermas – Strukturwandel der Öffentlichkeit
  • Christian Meier – Die Entstehung des Politischen bei den Griechen
  • Richard Sennett – Verfall und Ende des öffentlichen Lebens

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